Kurzfassung: Seit dem 24. August 2026 zeigt ChatGPT auch in Deutschland Anzeigen. Sie erscheinen unter der Antwort, sind als gesponsert gekennzeichnet und betreffen nur die Tarife Free und Go. In temporären Chats gibt es keine Werbung, für vermutlich minderjährige Konten auch nicht. Seit dem 31. August kann jedes Unternehmen selbst buchen. Damit ist der meistgenutzte Assistent der Welt ein Werbekanal, und das ändert weniger an der Technik als an der Frage, was Sie beim Lesen einer Antwort eigentlich vor sich haben.

Der wichtigste Satz steht nicht in der Ankündigung, sondern in den Hilfeseiten: Eine Anzeige ist eine bezahlte Platzierung und keine Empfehlung.

Was tatsächlich passiert

Die Anzeige steht unter dem Ende einer Antwort, optisch abgesetzt, mit dem Hinweis gesponsert. Sie besteht aus dem Namen des werbenden Unternehmens, seinem Favicon, einer Überschrift, einem Beschreibungstext, einem Bild und einem Link auf eine Zielseite. Es kann eine sein, es können mehrere sein, auch von verschiedenen Unternehmen.

Ausgewählt wird sie nach dem Kontext und der Absicht Ihrer laufenden Unterhaltung. Nicht nach einem Suchbegriff, den Sie eingetippt haben, sondern nach dem, worüber Sie gerade schreiben. Das ist der eigentliche Unterschied zur Suchmaschine, und darauf komme ich in einem eigenen Beitrag zurück.

Nicht betroffen sind Plus, Pro, Business, Enterprise und Edu. Nicht betroffen sind temporäre Chats. Nicht betroffen sind Konten, die OpenAI anhand von Altersangaben und Verhaltenssignalen Personen unter 18 Jahren zuordnet. Über diese Altersschätzung habe ich hier schon geschrieben: Dein Chatbot schätzt dein Alter. Sie entscheidet jetzt zusätzlich darüber, ob jemand Werbung sieht.

Was OpenAI zusichert

Fair ist fair, deshalb steht es vollständig hier.

Anzeigen sollen die Antworten nicht beeinflussen. Sie laufen über Systeme, die vom Chatmodell getrennt sind. Werbetreibende können Antworten nicht sehen, nicht bewerten und nicht verändern. Sie bekommen keine Chats, keine Erinnerungen, keine Namen, keine Mailadressen, keine IP-Adressen und keinen genauen Standort, sondern zusammengefasste Zahlen zu Aufrufen und Klicks. Standardmäßig sieht ChatGPT die eingeblendete Anzeige selbst nicht, es sei denn, Sie teilen sie ausdrücklich über das Menü der Anzeige mit dem Modell.

Und OpenAI schreibt, dass die verbrachte Zeit nicht als Optimierungsgröße genutzt wird. Das ist der Satz, der die Abgrenzung zu den sozialen Netzwerken markieren soll.

Alles davon ist eine Selbstauskunft. Sie ist präzise formuliert, aber sie ist von außen nicht überprüfbar, und ein Werbesystem, das an der Relevanz für den Werbetreibenden optimiert, hat eigene Anreize. Das ist kein Vorwurf, das ist die Beschreibung eines Geschäftsmodells.

Der Tausch, den Sie angeboten bekommen

Interessanter als die Anzeige selbst ist, was OpenAI daneben stellt.

Im Free-Tarif können Sie auf eine werbefreie Fassung wechseln. Der Preis dafür ist nicht Geld, sondern Zugang: weniger Nachrichten pro Tag, kein Zugriff auf einzelne Werkzeuge wie Bildgenerierung oder Deep Research. Stoßen Sie an ein Limit, bietet ChatGPT an, zurück in die werbefinanzierte Fassung zu wechseln.

Damit ist die Sache offen ausgesprochen, und ich halte diese Offenheit für ehrlicher als das, was die meisten Anbieter machen. Sie zahlen entweder mit Geld, mit Aufmerksamkeit oder mit Leistungsfähigkeit. Eine vierte Möglichkeit gibt es nicht.

Was daraus folgt, habe ich in Zwei-Klassen-KI beschrieben. Die Trennlinie verläuft jetzt eine Stufe tiefer: Es geht nicht mehr nur darum, wer das bessere Modell bekommt, sondern darum, wer ohne Werbung denken darf.

Was Sie einstellen können

Die Schalter liegen unter Einstellungen und dort unter Werbeeinstellungen. Verfügbar sind sie nur für Free und Go und nur in Regionen, in denen Anzeigen bereits laufen oder demnächst starten.

Verlauf und Themen ansehen. Zeigt, welche Anzeigen Sie gesehen haben und welche Themen zur Auswahl genutzt werden. Der erste Blick lohnt sich, weil er konkret macht, wofür Sie gerade gehalten werden.

Anzeigendaten löschen. Entfernt Verlauf und Themen. Ihre Chats bleiben unberührt. OpenAI nennt bis zu 30 Tage, bis die Daten von den Servern verschwunden sind.

Personalisierung abschalten. Ändert, woraus Anzeigen ausgewählt werden, entfernt sie aber nicht. Im Europäischen Wirtschaftsraum und in der Schweiz ist personalisierte Werbung ohnehin zunächst nicht verfügbar.

Frühere Chats und Erinnerungen abschalten. Sorgt dafür, dass die Auswahl stärker am aktuellen Gesprächsfaden hängt statt an dem, was das System über Sie gespeichert hat.

Dazu kommt das Dreipunktemenü an jeder Anzeige: ausblenden, melden, nachlesen, warum sie erscheint, oder sie mit ChatGPT teilen und nachfragen.

Was ich davon halte

Die Kennzeichnung ist deutlich, die Trennung ist beschrieben, die Schalter existieren. Gemessen an dem, was in Timelines und Suchergebnissen seit Jahren als Werbung durchgeht, ist das ein sorgfältiger Start.

Trotzdem verschiebt sich etwas, das keine Einstellung auffängt. In einer Suchmaschine wissen Sie, dass Sie auf einem Marktplatz stehen. In einem Gespräch nicht. Eine Antwort, die Ihnen gerade beim Abwägen geholfen hat, und eine bezahlte Platzierung direkt darunter sind zwei völlig verschiedene Dinge, die im selben Fenster stehen und im selben Ton daherkommen.

Der Unterschied ist nicht technisch schwer. Er ist nur leicht zu vergessen, genau in dem Moment, in dem man ihn braucht.