Kurzfassung: Seit dem 31. August 2026 kann in Europa jedes Unternehmen Anzeigen in ChatGPT selbst buchen. Was dabei zur Verfügung steht, ist deutlich schlichter, als die Aufregung vermuten lässt: ein Anzeigenformat, zwei Abrechnungsmodelle, keine exakten Suchbegriffe, eine relevanzgewichtete Zweitpreisauktion und ein Reporting mit den Grundkennzahlen. Der Ads Manager trägt das Wort Beta im Namen, und das ist keine Koketterie.
Wer diesen Kanal einordnen will, sollte zuerst verstehen, dass er nicht auf Nachfrage optimiert, sondern auf Gesprächslage.
Das Format
Eine Einheit unter dem Ende einer Antwort. Sie enthält den Namen des werbenden Unternehmens, das Favicon, eine Überschrift, einen Beschreibungstext, Bildmaterial und die Zielseite. Mehr gibt es nicht, und es gibt auch keine Wahl.
Das ist bemerkenswert wenig, und es ist wahrscheinlich der beste Teil des Produkts. Wer nur eine Überschrift, einen Satz und ein Bild hat, kann sich nicht hinter Ausspielungsvarianten verstecken. Entweder das Angebot passt zu dem Moment, in dem es erscheint, oder es passt nicht.
Die Aussteuerung
Hier liegt der eigentliche Unterschied zu allem, was Werbetreibende gewohnt sind.
Es gibt keine Suchbegriffe. Auf Anzeigengruppenebene hinterlegen Sie Kontexthinweise: Beschreibungen von Unterhaltungen, Themen und Stichwörtern, bei denen Ihr Angebot relevant sein könnte. OpenAI schreibt ausdrücklich dazu, dass dies keine Exact-Match-Keywords sind und keine Auslieferung in bestimmten Unterhaltungen garantieren.
Das System entscheidet dann anhand mehrerer Signale: Kontext und Absicht des laufenden Gesprächs, Ihre Zielseite, Ihre Überschrift, Ihr Anzeigentext, Ihre Kontexthinweise, und bei aktivierter Personalisierung weitere Signale aus der ChatGPT-Nutzung der Person. Im Europäischen Wirtschaftsraum und in der Schweiz ist diese Personalisierung zunächst abgeschaltet, dort zählt vor allem der laufende Gesprächsfaden.
Praktisch heißt das: Ihre Zielseite und Ihr Anzeigentext sind nicht nur Werbemittel, sie sind Teil des Matchings. Wer eine unklare Landingpage hat, steuert damit auch die Auslieferung unklar. Das ist eine ungewohnte Kopplung und der wichtigste handwerkliche Punkt an diesem Kanal.
Preis und Auktion
Zwei Ziele, zwei Abrechnungsmodelle. Beim Ziel Reichweite optimiert das System auf Impressionen, abgerechnet wird je tausend Einblendungen. Beim Ziel Klicks optimiert es auf Klicks, abgerechnet wird je gültigem Klick. Das Höchstgebot legen Sie auf Anzeigengruppenebene fest, der Ads Manager gibt Hinweise, ob ein Gebot voraussichtlich wettbewerbsfähig ist.
Für Klickkampagnen empfiehlt OpenAI zum Start ein Höchstgebot von 3 bis 5 US-Dollar. Aus dem Markt wird berichtet, dass die tatsächlich gezahlten Preise darüber liegen. Verlässliche Vergleichswerte für Deutschland gibt es zum Start nicht, und wer Ihnen jetzt welche nennt, hat sie geschätzt.
Ausgewählt wird über eine relevanzgewichtete Zweitpreisauktion. Das höchste Gebot allein gewinnt also nicht. Wer schlecht passt, zahlt sich nicht ein, sondern wird gar nicht erst ausgespielt.
Messung
Das Reporting nennt Impressionen, Klicks, Ausgaben, Klickrate, durchschnittlichen Klickpreis, durchschnittlichen Tausenderkontaktpreis und Conversions. Conversion-Messung lässt sich im Ads Manager einrichten. Statische Parameter an der Zielseiten-URL, etwa UTM, bleiben beim Klick erhalten und landen in Ihrer eigenen Auswertung.
Das ist funktional, aber es ist der Stand von vor fünfzehn Jahren. Zielgruppenberichte, Auslieferungsdetails, Kontextauswertungen, all das fehlt. Sie sehen, dass etwas funktioniert hat. Sie sehen nicht, warum.
Wer hier nicht werben darf
Bevor jemand zu planen beginnt, gehört diese Liste an den Anfang.
In der frühen Phase zugelassen sind Haushalts- und Konsumgüter, lokale Dienstleistungen, Reisen und Unterhaltung sowie digitale Produkte und Bildung. Werbung für Gesundheitsleistungen, Finanzdienstleistungen und Rechtsdienstleistungen ist außerhalb der USA grundsätzlich untersagt. Politische Werbung ist ausgeschlossen. Einzelne Stellenanzeigen und einzelne Immobilienangebote sind nicht erlaubt, wohl aber der Verweis auf eine Plattform, solange weder Anzeige noch Zielseite ein konkretes Inserat nennen. Dazu kommen Alkohol, Tabak, Glücksspiel, Erwachseneninhalte, Rauschmittel und unbelegte Gesundheitsversprechen.
Geprüft werden Anzeige, Werbemittel und Zielseite gemeinsam. Eine zulässige Anzeige, die auf eine unzulässige Zielseite führt, ist unzulässig.
Fünf Fragen vor der ersten Buchung
Passt mein Angebot in einen Entscheidungsmoment? Dieser Kanal erreicht Menschen beim Abwägen, nicht bei der bloßen Suche. Angebote, die eine Erklärung brauchen, sind hier besser aufgehoben als solche, die nur einen Preis brauchen.
Trägt meine Zielseite das Matching? Sie ist Werbemittel und Steuerungssignal zugleich. Eine Seite, die nicht in klaren Sätzen sagt, worum es geht, für wen und wo, arbeitet gegen die eigene Auslieferung.
Was ist ein Ergebnis wert? Ohne belastbare Vergleichswerte im Markt ist die einzige tragfähige Grundlage Ihre eigene Rechnung. Wer nicht weiß, was ein gewonnener Kontakt bei ihm einbringt, kann kein Höchstgebot festlegen, sondern nur raten.
Wie messe ich außerhalb der Plattform? Das plattformeigene Reporting ist dünn. Ohne saubere Parameter an der Zielseite und eine eigene Auswertung sehen Sie nur, was der Anbieter zeigt.
Wer schaut nach? Beta heißt, dass sich Bedingungen, Formate und Verfügbarkeiten ändern. Ein Kanal ohne benannte Zuständigkeit läuft nicht, er läuft weiter.
Meine Einschätzung
Für einen großen Teil des Mittelstands ist dieser Kanal heute keine Priorität. Nicht weil er schlecht wäre, sondern weil er teuer, dünn ausgewertet und in Bewegung ist, während dieselbe Arbeit an Zielseite und Angebotsklarheit auch ohne Mediabudget wirkt.
Wer das trotzdem testet, sollte es als Test führen und nicht als Kanal. Kleines Budget, ein klar umrissenes Angebot, eine Zielseite, die den Job macht, eine eigene Messung. Und die Bereitschaft, nach vier Wochen zu sagen, dass es nicht getragen hat.
Was in jedem Fall lohnt, ist die Arbeit an der Frage, in welchem Moment jemand über Ihr Thema nachdenkt und was er dann wissen muss. Diese Arbeit zahlt auf die Anzeige ein und genauso auf die Antwort daneben. Über den Unterschied zwischen einer Kundenreise und dem, was Menschen im Gesundheitswesen tatsächlich durchlaufen, habe ich hier geschrieben: Customer Journey vs. Patient Journey.