Am 27. April 2026 hat OpenEvidence den Zugang für Deutschland, die EU und Großbritannien gesperrt. Wer die Seite von einer deutschen IP aufruft, sieht ein Geoblocking mit dem Hinweis auf regulatorische Unsicherheit.

Der Grund ist kein Geheimnis: Der EU AI Act stuft klinische KI-Systeme als Hochrisiko ein. Dazu kommt die Medizinprodukte-Verordnung (MDR), die eine eigene Zertifizierung verlangt. OpenEvidence verarbeitet Daten auf US-Servern, das Modell ist auf den amerikanischen Markt optimiert. Die Kombination aus DSGVO, AI Act und MDR war dem Unternehmen offenbar zu aufwendig.

OpenEvidence ist nicht allein. Auch ChatGPT Health hat den europäischen Markt aus ähnlichen Gründen vorerst verlassen. Für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland heißt das: Werkzeuge fallen weg, ohne dass gleichwertige europäische Alternativen bereitstehen.

Die eigentliche Frage

Regulierung im Gesundheitswesen ist nicht falsch. Medizin ist ein sensibler Bereich. Gesundheitsdaten sind keine normalen Daten. KI, die klinische Entscheidungen beeinflusst, muss dokumentierfähig und nachvollziehbar sein. Das ist keine Bürokratie, das ist eine Grundvoraussetzung für Verantwortung.

Aber der EU AI Act geht über diesen Kern hinaus. Die übermäßigen Vorab-Dokumentationspflichten erzeugen Scheinsicherheit. Sie verlagern Aufmerksamkeit von echten Nutzungsrisiken auf formale Compliance. Und sie haben eine geopolitische Nebenwirkung, die keine ist: Große US-Modelle leiden stärker unter der Regulierung als kleinere, regulierungsnahe europäische Anbieter. Das ist industriepolitische Logik, getarnt als Verbraucherschutz.

Ich habe das bereits im Dezember eingeordnet: Der AI Act ist weniger Governance als geopolitisches Statement. OpenEvidence ist jetzt der Beweis.

Funktioniert ein VPN als Workaround?

Technisch: ja. Die Sperre prüft die IP-Adresse, und eine IP-Adresse lässt sich verlegen. Praktisch ist es trotzdem der falsche Weg, und zwar aus einem Grund, der nichts mit OpenEvidence zu tun hat.

Wer ein klinisches Entscheidungsunterstützungssystem nutzt, das sich bewusst aus dem europäischen Markt zurückgezogen hat, übernimmt genau die Verantwortung, die der Anbieter abgelegt hat. Es gibt keine Konformitätserklärung für diesen Markt, keine geklärte Haftungslage, keinen Ansprechpartner, wenn eine Empfehlung falsch war. Die Frage ist nicht, ob jemand die Sperre bemerkt. Die Frage ist, wer haftet, wenn eine Behandlungsentscheidung auf einer Quelle beruht, die es hier offiziell nicht gibt.

Dazu kommt der Datenpunkt, den man leicht übersieht: Eine klinische Anfrage enthält Patientendaten. Über ein VPN gehen sie an einen Anbieter, der sich der europäischen Aufsicht gerade entzogen hat. Das ist kein Graubereich, das ist eine Verarbeitung ohne belastbare Rechtsgrundlage.

Meine Haltung: Der Zugang ist nicht das Problem, das gelöst werden muss. Das Problem ist, dass es keine europäische Alternative gibt, die denselben Dienst leistet. Ein VPN verschiebt das Risiko auf die Ärztinnen und Ärzte, die es benutzen. Es löst es nicht.

Was daraus folgt

Geoblocking ist kein Verbraucherschutz. Es ist ein Symptom dafür, dass die EU regulieren kann, aber keine marktfähigen Alternativen garantiert. Digitale Souveränität wird mit KI wichtiger denn je. Wer KI-Infrastruktur nicht selbst kontrolliert, gibt Entscheidungsgewalt über sensible Bereiche ab. Aber Souveränität entsteht nicht durch Regulierung allein. Europa muss die gewonnene Zeit nutzen: für eigene Infrastruktur, für Kompetenz, für echte Alternativen.

Sonst bleibt digitale Souveränität ein Schlagwort. Und europäische Ärztinnen und Ärzte stehen mit leeren Händen da.

Quellen: